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Dirigent Muti: Musik dient nicht der Unterhaltung, sondern soll die Gesellschaft bessern

Zu Beginn des diesjährigen Neujahrskonzerts der Wiener Philharmoniker, das vor leeren Zuschauerreihen stattfand, aber weltweit übertragen wurde, gab der renommierte Dirigent Riccardo Muti eine kurze Erklärung ab. Kunst und Musik seien keine Form der reinen Unterhaltung, sondern als eine „Mission“ für eine bessere Gesellschaft zu verstehen. Er bezeichnete große Musik als Notwendigkeit besonders für die junge Generation, die „des tiefen Denkens beraubt worden ist“, und forderte die Staats- und Regierungschefs der Welt auf, zu erkennen, daß klassische Kunst und Kultur „elementar sind, wenn wir in der Zukunft eine bessere Gesellschaft haben wollen.“

Muti hat sich zu diesem Thema schon öfter geäußert. Im vergangenen Jahr zeigte er sich vor katholischen Bischöfen in Italien verärgert darüber, daß die Kirche statt klassischer Musik banale moderne Kompositionen aufführte. Mutis Kritik dieses Jahr kam angesichts des traditionellen Unterhaltungsprogramms der Familie Strauß nicht überraschend.

Es folgen auszugsweise Mutis kurze Bemerkungen:

„Dieses Neujahrskonzert findet in einer sehr ungewöhnlichen Situation statt. Wir wissen, daß wir für viele Millionen Menschen auf der ganzen Welt in mehr als 90 verschiedenen Ländern spielen. Für uns es ist sehr seltsam, in einem so schönen, historischen Saal aufzutreten, der völlig leer ist. Aber das Orchester spielt wunderbar, nicht nur, weil es die Botschaft der Musik vermitteln will, sondern weil die Wiener Philharmoniker immer umgeben sind vom Geist Brahms‘, Bruckners, Mahlers und vieler anderer Komponisten und Interpreten, die in diesem Saal Geschichte geschrieben haben. Natürlich liegt ein sehr, sehr schwieriges und tragisches Jahr hinter uns, – ein ,annus horribilis‘, wie ich auf Latein sagen würde. Aber wir sind immer noch hier und glauben an die Botschaft der Musik. Musiker haben ihre eigenen Waffen: Blumen – nicht Dinge, die töten. Wir bringen Freude, Hoffnung, Frieden, Brüderlichkeit, Liebe – mit einem großen ,L‘. Musik ist also wichtig, nicht zur Unterhaltung, wie wir es meistens sehen. Musik zu spielen, ist nicht nur ein Beruf, sondern eine Mission! Das ist der Grund für unsere Arbeit. Es ist eine Mission, wofür? Um die Gesellschaft besser zu machen. Wir denken dabei insbesondere an die nächste Generation, die ein ganzes Jahr lang ihres tiefen Denkens beraubt wurde. Natürlich auch an die Gesundheit, Gesundheit ist das Allerwichtigste, besonders aber die Gesundheit des Geistes. Und Musik hilft dabei. Meine Botschaft an die Regierungen, Präsidenten und Premierminister auf der ganzen Welt ist: Betrachten Sie Kultur immer als eines der wichtigsten Elemente für eine bessere Gesellschaft in der Zukunft.“

Die Welt feiert Beethoven

Aufführung von Mozarts Requiem 2016 mit dem Chor des New Yorker Schiller-Instituts unter Leitung von John Sigerson. Quelle: Schiller-Institut USA, Don Clark

„Alle Menschen werden Brüder“ – unter diesem Motto veranstaltete die amerikanische Kulturstiftung Foundation for the Revival of Classical Culture (FFRCC) am 16. und 17. Dezember 2020 über 24 Stunden lang einen Beethoven-Marathon, der weltweit übertragen wurde. Das Programm umfaßte das gesamte Spektrum Beethovenscher Kompositionen, ergänzt von Grußbotschaften und Videobeiträgen. Höhepunkte waren die Aufführungen von Beethovens Chorstücken der Messe in C und Missa Solemnis mit dem New Yorker Chor des Schiller-Instituts, dirigiert von Diane Sare und John Sigerson.

Die „Highlights“ dieses Programms waren in einer 12 Stunden langen Sendung am 24.-25. Dezember 2020 noch einmal zu hören.

Die Stiftung FFRCC wurde 2011 von der Musikpädagogin Lynn Yen gegründet und hat das Ziel, Studium und Praxis der klassischen Musik und Wissenschaft wiederzubeleben und dieses Wissen mit Hilfe von klassischen Konzerten, Seminaren und Unterrichtseinheiten vor allem jungen Menschen zu vermitteln.

Bekannt wurde die Arbeit der FFRCC durch das große Auftaktkonzert 2012 in der New Yorker Carnegie Hall, das von mehr als 2000 vor allem Jugendlichen und Studenten besucht wurde.

Beethoven in China

Zu den Top 10-Kulturereignissen in China zählt die Nachrichtenagentur german.china.org.cn das Beethoven-Konzert in Beijing anläßlich dessen 250. Geburtstags. In einer Meldung vom 31. 12. 2020 heißt es dazu: „In diesem Jahr wird der 250. Geburtstag des deutschen Komponisten Ludwig van Beethoven gefeiert, dessen größtes Geschenk an die Welt seine großartige Musik war.

Anläßlich dieses Jubiläums gaben über 180 chinesische Musiker am 12. Dezember von 10 bis 22 Uhr in der Konzerthalle der Verbotenen Stadt in Beijing ein 12stündiges Konzert mit dem Titel ,Beethoven-Marathon‘.“

In Deutschland geht das Beethoven-Jubiläumsjahr 2020 in die Verlängerung

Aufgrund der Corona-Pandemie fanden in Deutschland die Beethoven-Feierlichkeiten 2020 in nur sehr reduziertem Umfang statt. Nun gehen hier die musikalischen Jubiläumskonzerte in die Verlängerung. Ein sehr würdiger Auftakt dazu war das beeindruckende und berührende Konzert am 16. Dezember 2020 in Bonn. Unter dem Dirigenten und Pianisten Daniel Barenboim, der von Furtwängler schon mit elf Jahren als „Phänomen“ bezeichnet wurde, und dem West-Eastern Divan Orchestra wurden Beethovens drittes Klavierkonzert in c-moll und die Sinfonie Nr. 5 in c-moll aufgeführt. Das Konzert bestach in seiner Darbietung nicht nur durch seine hohe Professionalität und Hingabe, sondern vermittelte den Zuhörern nachhaltig die Funktionalität des Dialogs der Kulturen.

In einem vorab geführten Interview bezeichnete Barenboim Beethoven als seinen persönlichen, großen, wichtigen Lehrer, dessen Musik ihn als Mensch sehr bereichert habe. Beethoven sei ein Komponist, der nicht nur für seine Zeit, sondern für die Ewigkeit komponiert habe und eine ganz tiefe musikalische Botschaft vermittele. Dabei bezeichnete er Beethovens 9. Sinfonie und die Aussage des Schlußchores „Alle Menschen werden Brüder“ als von großer Bedeutung für die Geschichte Deutschlands.

Das West-Eastern Divan Orchestra wurde 1999 gemeinsam von Daniel Barenboim und dem Literaturwissenschaftler Edward W. Said in Weimar gegründet. Es entstand dort aus einem Workshop für israelische, palästinensische und andere arabische Musiker. Die Gründer wollten damit ihren „Traum von einer besseren Zukunft verwirklichen, der Humanisierung des Anderen, Unwissenheit durch Bildung, Wissen und Verständnis zu ersetzen.“ Dabei trieb sie die Gewißheit, „daß Frieden im Nahen Osten nicht durch militärische Maßnahmen herbeizuführen ist und man alternative Zugänge zu einer politischen Lösung suchen muß.“

Von Said, in Jerusalem geboren und in Kairo aufgewachsen, stammt die Äußerung: „Humanismus ist die einzige, genauer die letzte Verteidigungslinie, die wir haben, um uns gegen die unmenschlichen Exzesse und Ungerechtigkeiten zu wehren, die unsere Menschheitsgeschichte verunstalten.“

In diesem Geist wurde 2015 die Barenboim-Said-Akademie eröffnet, die die Ausbildung einer neuen Generation von Musikern ermöglichen soll.